Annette Frier
Wir sprachen mit Annette Frier, Mitglied des Kuratoriums von GEMEINSCHAFT STIFTEN, darüber, warum Gemeinschaft und Begegnungen so viel bewirken können.
Annette Frier: Es gibt ja zahlreiche tolle Menschen, die viele wichtige Projekte begleiten oder initiieren. Erst letzte Woche habe ich die Initiatorin der „Familienhörbucher“ getroffen. Sie ermöglicht es Eltern, die im Hospiz sind und nur noch kurz zu leben haben, ihre Geschichte zu erzählen. Die Kinder bekommen das Hörbuch, wenn sie älter sind. Wenn ich von solchen tollen Projekten erfahre, denke ich oft: Das muss bekannt werden, das muss raus in die Welt. Im Laufe meiner Karriere ist mir bewusst geworden, was allein meine Teilnahme an einem Projekt bewirken kann – auch, wenn ich vielfach nur die Kommunikatorin einer Idee bin. Ich will das jetzt nicht größer machen, als es ist. Aber oft bin ich auch ein wenig das Zünglein an der Waage. Als öffentliche Person habe ich einfach eine gewisse Verantwortung, mich einzubringen.
Annette Frier: Ja, das Thema beschäftigt mich jeden Tag. Noch vor ein paar Jahren hätte ich nicht gedacht, dass wir uns einmal hierfür einsetzen müssen. Aber aktuell brennt gesellschaftlich einfach die Hütte. Weltpolitisch und auch bei uns. Dabei ist die sogenannte Demokratierettung, von der alle reden, schwierig in Fahrt zu bringen. Die Demokratie, die immer so geohrfeigt im Raum steht, bräuchte heute einfach mehr Diplomaten. Tatsächlich hat ihre schillernde Persönlichkeit für Viele zwischen Legislaturperioden und Realpolitik an Strahlkraft verloren.
Die Menschen haben einfach kein Vertrauen mehr. Aber ich glaube, wir müssen dranbleiben. Das Wunderbare an der Demokratie ist ja, dass wir alle wissen: Es ist möglich. Man muss sich einfach jeden Tag fragen, wie man sich einbringen kann. Das ist zivilgesellschaftlich einfach unsere Aufgabe. Und jeder hat hier einen Hebel.
Annette Frier: Ich verstehe das schon. Aber ich glaube, jeder, der über den Satz einmal nachgedacht hat, merkt: Es gibt schon sehr, sehr viele Möglichkeiten.
Auch hier ist Hinschauen wichtig. Beispielsweise sind viele Kinder und Jugendliche wirklich alleingelassen. Wenn ich sehe, dass ein Kind sich über Unterstützung freuen würde, kann schon ein aufmunterndes Wort helfen. Und natürlich gibt es auch viele lokale Projekte und Initiativen, für die man sich engagieren kann. Es geht darum, sich wirklich zur Verfügung zu stellen. Es geht um Begegnungen. Und dafür gibt es überall wunderbare Möglichkeiten.
Annette Frier: Ich finde, Chöre haben wirklich etwas Gemeinschaftstiftendes. Ich bin nach dem Projekt oft gefragt worden, wie man einen solchen Chor an den Start bringt. Dietlinde Stroh, die Produzentin der Serie, hat nun mit der App „One Voice“ eine Möglichkeit geschaffen, ganz einfach Leute für das Singen zusammenzubringen – und das nicht nur für Menschen mit Demenz. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie einfach es sein kann, Begegnungen zu schaffen – regional und gleichzeitig digital. Die App habe ich auf dem Handy, aber den Sinn, den mache ich live. Solche Verbindungen sind es, die wir heute brauchen.
Annette Frier: Die geringe Aufmerksamkeitsspanne ist heute schon ein Thema – bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei uns Erwachsenen. Vielen Kindern fällt es schwer, sich auf eine längere Geschichte einzulassen, weil sie schon im Alter von drei Jahren mit ihrem Smartphone-Konsum zufrieden gelebt haben. Beim Vorlesen müssen sie dann plötzlich mitarbeiten.
Deshalb kann ein Buch auf den ersten Blick kaum mit einem TikTok-Video konkurrieren. Man bekommt in der digitalen Welt einfach viel schneller Dopamin als beim Lesen eines 500-seitigen Buchs.
Aber bei den Lesungen ist das oft wie bei einem Rockkonzert. Wenn die Geschichte und die Performance stimmen, hat man die Kinder in zwei, drei Minuten für sich gewonnen. Und das macht dann einfach Spaß.
Annette Frier: Richtig. Ich erschaffe alles selbst. Wenn ich lese, mache ich die Geschichte. Kreativität, Kommunikation, der Umgang mit Sprache. Das sind Dinge, die das Lesen vermittelt und die man im ganzen Leben braucht. Das kann kein Screen oder Multiversum leisten.
Trotzdem denke ich, dass wir das Digitale nicht pauschal dämonisieren sollten. Ich glaube an das Zyklische im Leben, dass alles wieder zurückkommt. Wir haben den Knigge für den Umgang mit den digitalen Medien noch nicht gefunden. Aber ich bin guter Dinge, dass wir das schaffen. Es gibt ja schon gute Ideen – wie zum Beispiel handyfreie Schulkonzepte.
Annette Frier: Warum ich Kinder unterstütze oder warum mir das immer das Wichtigste war, liegt ja total auf der Hand. Sie sind unsere Zukunft. Es gibt einen Generationenvertrag und der geht nur in eine Richtung. Das Wasser fließt von oben nach unten. Kinder sind ihren Eltern nichts schuldig. Aber die Eltern den Kindern schon. Ich finde es ganz wichtig, dass wir in dieser Logik bleiben.
Annette Frier: Ja, natürlich, das ist ja gesellschaftliches Engagement. Überall dort, wo sich Leute treffen, um zu singen oder um sich gemeinsam ein Thema zu betrachten, findet dieser gemeinschaftliche Gedanke der Begegnung statt.
Das ist nicht Mittel zu irgendeinem Zweck. Das ist der Zweck! Der Sinn des Menschseins ist für mich, dass wir uns begegnen. Es sind die großen Geschichtenerzählungen, die uns – die wir uns immer so schnell von Alltagsthemen ablenken lassen – immer wieder daran erinnern. Dafür ist Kultur da.
Annette Frier: Es gab schon viele kulturelle Projekte, bei denen mich die Sparkasse KölnBonn unterstützt hat – beispielsweise im vergangenen Jahr bei unserer Demokratiekampagne. Damals konnten wir mithilfe der Sparkasse unser Improvisationstheater „Demokratie plus X“, das ich gemeinsam mit Peter Trabner entwickelt hatte, an Kölner und Bonner Schulen bringen. Als ich gefragt wurde, ob ich im Kuratorium von GEMEINSCHAFT STIFTEN mitmachen wolle, habe ich spontan ja gesagt. So kann ich vielleicht etwas zurückgeben.
Vielen Dank für das Gespräch.
Sie wollen Gutes bewirken – für Köln, Bonn und über die Grenzen unserer Städte hinaus? Dann machen Sie mit bei der Stiftungsgemeinschaft der Sparkasse KölnBonn. Mit GEMEINSCHAFT STIFTEN können Sie schnell und ganz unkompliziert zur Stifterin oder zum Stifter werden. Wir freuen uns auf jeden engagierten Stiftungsinteressierten und alle, die unsere Idee unterstützen. Fragen Sie uns zu den Möglichkeiten.
Cathrin Dauven
Vorstandsvorsitzende von GEMEINSCHAFT STIFTEN Stiftungsgemeinschaft der Sparkasse KölnBonn
Nicole Döring
Geschäftsführerin von GEMEINSCHAFT STIFTEN Stiftungsgemeinschaft der Sparkasse KölnBonn