Auf Spurensuche mit Stiftenden und Schlossherren

Das Schloss Drachenburg in Königswinter hat eine bewegte Geschichte. Ende des 19. Jahrhunderts als Prunkschloss erbaut, stand es in den 1960er Jahren kurz vor dem Abriss. Privater und staatlicher Hilfe ist es zu verdanken, dass es heute wieder im alten Glanz erstrahlt. Auch die zu GEMEINSCHAFT STIFTEN gehörende Ruth-Freyschmidt-Stiftung hat einen wichtigen Anteil daran. Wir sprachen mit Joachim Odenthal, Geschäftsführer der Schloss Drachenburg GmbH, und Kunsthistorikerin Tanja Bleutgen-Wagner über die Herausforderungen, ein Gesamtkunstwerk wiederherzustellen, und die Bedeutung von privatem Engagement. 

Der Weg hinauf zur Drachenburg beginnt in Königswinter am Fuße des Drachenfels. Der Pfad windet sich durch das Grün des Siebengebirges, vorbei an alten Bäumen, der Nibelungenhalle und Fachwerkhäusern – immer wieder mit freien Sichtachsen ins Rheintal. Dann taucht sie plötzlich auf: hell, verspielt, fast unwirklich – die Drachenburg. Ein Märchenschloss, wie es Buche steht, ein eindrucksvolles Zeugnis der Rheinromantik. Nichts lässt von hier aus auf seine wechselhafte Geschichte schließen. Denn im Laufe der Zeit war das Ensemble herrschaftlicher Wohnsitz, Hotel und Genesungsheim, christliches Internat und bahnwirtschaftliches Schulungszentrum, Event-Location und Ruine. 

Dass das Schloss heute wieder im alten Glanz erstrahlt, ist unter anderem dem Land NRW zu verdanken, dass das Gebäude im Jahr 1989 erwarb und mithilfe der NRW-Stiftung 16 Jahre lang gemeinsam mit der Stadt Königswinter von Grund auf restaurierte. Aber auch die private Initiative von Spendengebern und Stiftenden ist bis heute essenziell, damit die Drachenburg nach und nach wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückgeführt werden kann. Auch die unter dem Dach von Gemeinschaft stiften ansässige Stiftung „Ruth Freyschmidt“ leistet hierzu einen Beitrag.

Viele kleine Schritte und ein großes Ziel

Auf dem Konferenztisch hat Tanja Bleutgen-Wagner rund 50 großformatige Skizzen ausgebreitet. Es sind Vorstudien zu den Wand- und Deckengemälden im Schloss des Münchner Künstlers Hermann Schneider– teilweise mit persönlichen Notizen. „Wenn wir irgendwann die Malereien im Kneipzimmer restaurieren werden, haben wir nun die originalen Entwürfe“, freut sich die Kunsthistorikerin des Schlosses über den Zufallsfund. Denn keiner wusste von deren Existenz. „Ich hatte bei einer E-Bay-Auktion die Illustration ‚Hausherrin mit Dienstmädchen‘ von Schneider für unsere Ausstellung zum Leben der Dienstboten erworben. Als ich den Händler fragte, ob er noch weitere Werke des Künstlers im Angebot hätte, schickte er mir einen Link zu seinem aktualisierten Shop. Ich erkannte sofort: Das sind Motive aus unserem Kneipzimmer. Mit Mitteln der Ruth Freyschmitt-Stiftung konnten wir dann alle Zeichnungen erwerben. Das ist wieder einer dieser kleinen Schritte mit einer großen Wirkung“, betont Bleutgen-Wagner. 

Wir wollen unseren Besuchern die Atmosphäre der Gründerzeit aus dem 19. Jahrhundert zeigen. Das Gesamtkunstwerk Schloss Drachenburg ist in der Restaurierungsphase immer die Idee gewesen

Die kleinen und großen Schritte haben ein Ziel. „Wir wollen unseren Besuchern die Atmosphäre der Gründerzeit aus dem 19. Jahrhundert zeigen. Das Gesamtkunstwerk Schloss Drachenburg ist in der Restaurierungsphase immer die Idee gewesen“, sagt Joachim Odenthal, Geschäftsführer der Schloss Drachenburg GmbH. Rund 30 Millionen Euro habe man in den vergangenen 20 Jahren in das Projekt gesteckt. Und dabei kostengenau von der ersten Schätzung bis zur Umsetzung kalkuliert, wie Odenthal betont. Doch allein 50 000 bis 100 000 Euro pro Jahr schlügen für die gewöhnliche Unterhaltung des Gebäudes zu Buche – ungeplante Wartungs- und Baumaßnahmen nicht inbegriffen. „Und um den Ursprungszustand wiederherzustellen, bräuchten wir sicherlich noch rund 10 Millionen Euro“, so Odenthal. Dafür sei der finanzielle Grundstock der NRW-Stiftung zwar eine gute Basis. Aber ohne die Unterstützung privater und institutioneller Förderer und Spender, wären viele Projekte nicht realisierbar gewesen.

Die Aufgabe von Generationen in wenigen Jahren erledigt

Ein Beispiel hierfür ist die Rekonstruktion der Buntglasfenster. Hierfür standen nach der Renovierungsphase keine Mittel mehr zur Verfügung. Man wählte einen didaktischen Ansatz und baute weiß mattierte Scheiben ein. Bei der Eröffnungsfeier bezeichnete der damalige Ministerpräsident Jürgen Rüttgers deren Rekonstruktion noch als eine Aufgabe der nächsten Generationen. „Mit privatem Engagement haben wir es in nur zwölf Jahren geschafft. Das zeigt, wie maßgeblich das Engagement privater oder institutioneller Förderer ist. Ohne die Hilfe der Menschen wären wir da nicht angekommen, wo wir heute sind“, betont Odenthal.

Joachim Odenthal, Geschäftsführer der Schloss Drachenburg GmbH

Für die Initialzündung der Restaurierung der Fenster sorgte ein Fan der Drachenburg aus England. Er gab einen hohen sechsstelligen Betrag aus seinem Nachlass an die NRW-Stiftung. Als dann Besucher des Schlosses sahen, was da passierte, kam der Stein ins Rollen. „Wir hatten ein Plakat in der Kunsthalle aufgestellt und zur Beteiligung aufgerufen. Ein älterer Herr aus Neuss meldete sich dann und wollte gerne ein Fenster haben. Daraus sind dann neun geworden – eines widmete er seiner Frau“, berichtet Joachim Odenthal von einer von vielen Geschichten. 

Nun erstrahlt die Kunsthalle wieder in dem Licht, mit dem die damaligen Architekten sie geplant hatten. Mit verblüffender Wirkung auf den gesamten Raum. „Die Malereien wirkten auf einmal viel plastischer, weil sich der Raumeindruck und die Lichtverhältnisse verändert hatten. Das zeigt auch, mit welcher Detailtreue und mit welcher hohen Präzision das Schloss geplant und umgesetzt wurde. Ich persönlich kenne keines, was in dieser Zeit tatsächlich auf solche Perfektion bis ins Detail ausgerichtet war.“

Privates Engagement machte die Rekonstruktion der Buntglasfenster in der Kunsthalle in Rekordzeit möglich.

Spurensuche: eBay, Auktionen und Archivkisten

Doch der Weg zurück zum Original gleicht einer Spurensuche. Denn vieles, was der damalige Erbauer Freiherr Stephan von Sarter Ende des 19. Jahrhunderts mit Liebe zum Detail plante und umsetzte, ist heute nicht mehr vorhanden. Durch Krieg zerstört, geplündert oder verkauft. So wurden unter anderem in den 1930er Jahren viele Einrichtungsgegenstände versteigert. Zu dieser Zeit nutzen die Brüder der christlichen Schulen das Schloss als Heimschule. Im oberen Wohngeschoss wurden Klassenzimmer eingerichtet, die Kunsthalle und das Kneipzimmer wurden als Kapelle und Sakristei genutzt. Was nicht mehr zum Zweck oder zur Schulphilosophie passte, wurde über ein Kölner Auktionshaus verkauft.

„Traurig, oder gottseidank, hat es diese Versteigerung gegeben. Denn so können wir heute in internationalen und nationalen Versteigerungskatalogen immer wieder Dinge finden, die belegbar zum Schloss gehören“, sagt Joachim Odenthal. So fand sich auch ein Gemälde des niederländischen Künstlers Jakob Duck wieder, das zur Zeit des Erbauers im Schloss hing, aber als verschollen galt. Im Katalog eines Münchner Auktionshauses tauchte es wieder auf und konnte an seinen Ursprungsort zurückkehren. 

Tanja Bleutgen-Wagner mit gezeichneten Vorstudien zu verschiedenen Decken- und Wandmalereien der Drachenburg

Dass solche Kunstschätze wieder zurückkehren können, ist auch der kunsthistorischen Detektivarbeit von Tanja Bleutgen-Wagner zu verdanken. Sie durchforstet Inventarverzeichnisse aus der Zeit Stefan von Sarters, analysiert alte Schwarz-Weiß-Fotografien, Zeitungsberichte und Ausstellungskataloge.

Oft hilft der Zufall. Auch in Archiven, die offiziell keine Dokumente zum Thema Drachenburg aufführen, findet Tanja Bleutgen-Wagner beim Öffnen von Kisten immer wieder wertvolle Hinweise. Seit einigen Jahren erleichtern Digitalisierung und Künstliche Intelligenz die Recherche.

Das Speisezimmer im Schloss Drachenburg wurde nach dem historischen Zustand des späten 19. Jahrhunderts wiederhergestellt.

Neuschwanstein, Heidelberg, Sanssouci, Drachenburg

Heute zeigt sich, dass es eine gute Idee war, das Schloss nicht abzureißen und es mit Mitteln des Landes zu restaurieren und zu sanieren. Denn in den 1960er Jahren, als das Schloss für rund zehn Jahre leerstand, plante man den Abriss des vom Verfall bedrohten Ensembles. Planungen für einen modernen Bürokomplex konnten nur durch den vehementen Protest von Denkmalschützern und Bürgerinnen und Bürgern abgewendet werden. 

Inzwischen ist die Drachenburg eine Erfolgsgeschichte. Das belegt auch eine aktuelle Umfrage eines großen Reiseunternehmens, das die Beliebtheit von Schlössern und Burgen in Europa untersucht hat. „In Nordrhein-Westfalen ist das Schloss Drachenburg mit weitem Abstand auf Nummer 1 gelandet. In Deutschland stehen wir auf Platz 4 – nach Neuschwanstein, Heidelberg und Sanssouci. Und in Europa haben wir es immerhin auf Platz 13 geschafft – und das bei 30 000 Schlössern und Burgen“, zeigt sich Geschäftsführer Joachim Odenthal stolz.

Cathrin Dauven über die Stiftungsgemeinschaft

Viele Menschen träumen davon, mit ihrem Vermögen eine Stiftung zu errichten, um etwas Gutes zu bewirken, scheuen aber den organisatorischen Aufwand. Doch das muss nicht sein, erklärt Cathrin Dauven, stellvertretendes Vorstandsmitglied der Sparkasse KölnBonn und Vorstandsvorsitzende der Stiftungsgemeinschaft GEMEINSCHAFT STIFTEN.

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